Ausschnitt aus dem Foto-Textbuch “Wann ist später”

Ich bin Edit. Ohne H. Ich bin Ungarin. Meine Tante nannte mich Dí. Als Einzige. Aber sie ist schon lange tot. Wenn ich an sie denke, denke ich auch immer an Dí, die nicht mehr ist. Und an I Muvrini. Obwohl es etwas anderes bedeutet. Und es nicht mein Lieblingslied ist. Ich bin Edit. Ich bin aus Ungarn. Aber das kommt mir inzwischen manchmal so unreal vor, als wäre es jemandes anderen Autobiographie. Andere Male ist es ein großer Schmerz. Dieser Schmerz ist das Einzige, das an mir wirklich wahr ist. Als hätte ich meinen Schlüssel verloren. Das Schloss. Darauf standen meine Initialen. Mit schnörkeligen Buchstaben. B.E. Ich verbringe wieder viel Zeit dort. Das bringt mich mir näher.

Ich bin Edit. Ich bin Autorin. Ich schrieb Texte auf Ungarisch. Erzählungen. Essays. Später einen Roman. Und Theaterstücke. Und seit einiger Zeit auch auf Deutsch. Ich bin Übersetzerin. Ich übersetzte Bachmann. Und auch Jelinek. Thomas Bernhard. Und Antje Strubel. Einige andere. Ungarische Dichter liegen mir am Herzen. Ady. József Attila. Manche Namen kann man nicht umdrehen, sonst verlieren sie ihre Bedeutung.

Ich bin Fotografin. Ich fotografiere an meinem Leben entlang. Die Gewichte verschieben sich. Manche Themen eignen sich für die Schrift. Andere für das Bild. Auch das ist Reichtum. Grenzenlos. Nur manchmal verliere ich mich darin. Weiß nicht, was ich anfassen soll. Lasse alles fallen. Wie mit löchrigen Händen. Dann bin ich still. Tagelang ohne ein Wort. Das ist gar nicht so einfach, in unserer rastlosen Gesellschaft. Wie Pilinszky, der tagein tagaus zum Fenster hinaus sah, Kette rauchte und Kaffee trank, um dann hastig, als wäre es ihm gerade erst eingefallen, vier Zeilen aufs Papier zu bringen, die die Welt aus den Angeln hoben.

Dann passiert etwas, eine Kleinigkeit, und ich rase. Als ginge mich alles auf dieser Welt an. Als hätte alles mit mir zu tun. Ich bin emotional. Aufwühlend. Und dann wiederum kühl. Als rührte mich das alles nicht. Das Leben. Als ginge alles an mir vorbei. Wie eine vorbeihuschende Landschaft. Ich bin Läuferin. Laufe Halbmarathon. Laufen ist meditativ. Manchmal fahre ich Fahrrad. Schreibe Texte im Kopf. Fotografiere sie ab. Bei KM 19 fällt mir etwas Wichtiges ein. Darf es nicht vergessen. Komme nach Hause, setze mich an den Schreibtisch, verschwitzt, atemlos, und schreibe schnell auf, woran ich mich noch erinnere. Selbst wenn ich etwas vergesse, irgendwann kommt es wieder. Wie aus dem Nichts. Vollkommen unerwartet. Stehe in der Schlange an der Kasse, und plötzlich fällt es mir wieder ein. Nichts geht verloren.

Ich bin Edit. Ich bin Billinger. Meine Vorfahren väterlicherseits Donauschwaben. Ich weiß nicht viel über sie. Ich habe in Gießen und Hannover studiert: Germanistik, Soziologie und Sozialpsychologie. Mein Examen legte ich bei Gisela Dischner ab.

Meine Erzählungen und Essays erschienen in verschiedenen Literaturzeitschriften. Eine Fotoreportage im Magazin Berliner Republik. Aglaja Veteranyis Roman Warum das Kind in der Polenta kocht wurde in meiner Übersetzung beim Kráter Verlag veröffentlicht. Meine Übertragung des Gedichts An jemand ganz anderen von Ingeborg Bachmann wurde 2008 vom Verlag Magyar Napló in die Anthologie Übersetzungen des Jahres aufgenommen. Mein Roman A Fekete hegy (Der Schwarze Berg) wurde 2025 vom AB-ART Verlag herausgegeben.

Ich nahm an zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen teil: In Berlin in der Galerie der Neue Schule für Fotografie, in der Galerie Under the Mango Tree und in der Galerie mp43, in Madrid/Valdemoro im Centro Cultural Juan Prado sowie auf der Leipziger Kunstmesse für zeitgenössische Kunst. Die Ausstellung da wo wir sind in der KulturMarktHalle in Berlin zeigt die Arbeit Was bleibt.