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WANN IST SPÄTER









Man denkt, man hätte genug Zeit, ein Kind zu bekommen. Das Kinderkriegen wird hinaus gezögert,
immer weiter hinaus gezögert, als würde man sich darauf vorbereiten, ein Leben lang darauf vorbereiten, 
später, irgendwann, wenn die Zeit reif ist, dieses eine Kind zu bekommen. (Oder zwei. Oder drei.
Darauf kommt es nicht mehr an.) Aber wann ist die Zeit reif? Auf einmal geht man auf die Vierzig zu.
Wacht eines nachts auf und hat Angst. Man weiß gar nicht, wie es passiert, ob sie plötzlich da ist, die Angst,
ob sie einen wie aus heiterem Himmel überfällt oder ob sie sich langsam nähert, unmerklich, und man lebt weiter,
immer noch im Glauben seiner grenzenlosen Zeit, und in Wirklichkeit hat man längst keine mehr.
Jedenfalls ist die Angst irgendwann da, mit einem Mal, völlig unerwartet, und auf einmal weiß man,
dass die Zeit nicht reichen würde, dass man dieses Kind entweder jetzt bekommen würde oder niemals wieder,
die Zeit würde einem davon laufen, das Kind würde einen verlassen, das man haben wollte,
oder auch nicht, man wusste nur nicht, was richtig ist und was falsch, und man wusste vor allem nicht,
ob man es, wenn man es nicht bekommt, später doch noch bereuen würde.

Aber wann ist später? 

Mit einem Mal sieht man deutlich, wie dieses Kind einem langsam entrückt, es wird immer blasser,
es schwindet in der Ferne, fade out, wie am Ende eines Films, in dem eine Person einen plötzlich sitzen lässt,
ohne ein Wort, ohne einen Blick zurück, und man weiß nicht, warum sie geht, wohin sie geht,
ob sie es wegen jemandem anderen tut, wegen der eigenen Unzulänglichkeit, des Gehens willen
oder vielleicht nur aus Gewohnheit, weil man früher oder später sowieso gehen muss.
Man weiß nur mit absoluter Gewissheit, dass sie nicht wiederkommen wird.
So verschwindet auch das Bild des Kindes, es wird immer flüchtiger, immer heller,
als hätte man sein Gesicht übereinander fotografiert.


An alle Frauen, die ein Kind haben.
An alle, die sich ein Kind wünschen.
An die, die nie eins bekommen werden.
An die, die nie eins wollten.

An das ungeborene Kind.





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