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DIE RESTAURATORIN


Wir fuhren raus. Raus aus dem Dorf, am Fluss entlang. Irgendwann stellte sie das Auto in der Nähe des Flusses ab, wir stiegen aus und liefen am Ufer weiter, durch den Wald.

Ich solle ihr etwas von mir erzählen, sagte sie, und ich erzählte leise und in dieser trägen Hitze mit einer stillen Melancholie von meinem Leben, meiner Kindheit mit Micka, meinem Studium, meinen Reisen, meinen wechselnden Beziehungen, meinen Fluchten und meinen Verliebtheiten, die dann doch keine waren, und meiner Arbeit als Restauratorin. Ich redete, als würden wir uns schon ewig kennen, oft erzählte ich nicht von den entscheidenden Dingen, wie man es Fremden gegenüber tut, sondern von Nebensächlichkeiten, von den heißen Sommern bei meinen Großeltern, in denen Micka und ich nackt durch die Pfützen um den Brunnen auf dem Hof hüpften, von den langen Herbstabenden, als wir nach der Schule meinem Opa beim Abbrennen des Laubes halfen, und wie sich das ganze Dorf damals in Rauch hüllte, wie wir in der Asche Kartoffeln brieten, und wie ich diesen Geruch nie vergessen werde. Ich erzählte, wie ich meine ersten Zeichnungen angefertigt hatte, ich hatte die ganze Familie gezeichnet, manchmal in echt, am Sonntagstisch, als alle zusammen saßen, ich hatte sie einen nach dem anderen in meinem Zeichenheft verewigt, und dabei vergessen, zu essen, und manchmal nur von Fotos oder aus der Erinnerung, wie ich es heute noch oft tat, alle dachten, ich werde später eine bedeutende Malerin, aber irgendwann kam es anders, als ich merkte, dass ich zwar begabt war, aber nicht das Zeug zu einer ganz großen Künstlerin hatte, und dann hörte ich von einem Tag auf den anderen auf zu malen, um der Mittelmäßigkeit zu entkommen, ich malte nur noch für mich, und beschloss, wenigstens eine gute Restauratorin zu werden. Ich erzählte von meiner ersten Nacht mit einem anderen Mann, damals an der Uni, als ich mich von Micka loslösen wollte, ich erzählte, wie ich mit ihm geschlafen hatte und irgendwann mitten in der Nacht in Tränen aufgelöst aufgewacht war, ich hatte im Schlaf um Micka geweint, oder um meine Kindheit, oder um irgendetwas anderes, ich wusste nicht genau, was es war, ich wusste nur, wie ich mich sofort angezogen hatte, aufgestanden und rausgegangen war, raus aus dem Haus, in die kalte Winternacht, ich hatte nicht einmal eine Nachricht hinterlassen. Und ich hatte diesen Mann nie wieder gesehen, er wusste wahrscheinlich bis heute nicht, was mit mir passiert war. Damals aber, in dieser Nacht, als ich durch die Straßen lief und hoffte, dass die kalte Luft meine Gedanken einfrieren könnte, war irgendetwas in mir entzwei gebrochen, das ich nie wieder zusammensetzen konnte. Ich erzählte, wie ich später wieder zu Micka zurückkehrte, dass es wie nach Hause kommen war, als hätten uns, zwei halbe Bäume, unsere gemeinsamen Wurzeln getragen. Ich erzählte, wie es in unserem Garten einen Pflaumenbaum gab, die eine Hälfte brachte gelbe Mirabellen und die andere normale Pflaumen, und wie wir die eine Hälfte, die der Mirabellen, immer leer gegessen hatten und die andere Hälfte hängen blieb, und am Ende gepflückt werden musste, damit meine Oma Marmelade oder mein Opa Schnaps daraus machen konnte. Irgendwann später fuhr ich an unserem alten Haus vorbei, aber der Hof war inzwischen gepflastert, der Baum stand nicht mehr. Und ich erzählte, wie ich auch neben Micka ständig auf der Suche nach irgendetwas blieb, das ich nicht einmal zu definieren vermochte, nach irgendetwas Unbestimmtem und Vagem, und dass ich mich vielleicht damit abfinden musste, dass auch dies, diese endlose Suche, zu mir und zu meinem Leben gehört.

Aus der Erzählung: Die Restauratorin



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