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DER SCHWARZE BERG


Im vergangenen Winter konnte ich wochenlang an nichts anderes denken, als dieser Stadt zu entkommen, die mich gefangen zu halten schien. Ich wollte den Menschen den Rücken kehren, von denen ich mich belagert fühlte, auch wenn sie mir nichts taten, sie waren nur da, wie vorher auch, aber auf einmal schien mir ihr pures Dasein bedrohlich. Als wollten sie etwas von mir, das ich ihnen nicht geben konnte. Ich konnte mich selbst nicht mehr spüren, ich hatte das Gefühl, als würde ich mich im Lärm dieser Stadt selbst überhören. Vor allem aber auch: ich schrieb nicht. Seit Wochen und Monaten keinen Satz, alles in mir wurde übertönt. Das Schreiben schien mir eine elendige Angelegenheit, ich duckte mich davor, wie ich nur konnte. Ich musste weg von hier.

Ich dachte wochenlang an mein Haus, unfertig und teilweise unbeheizbar, dennoch dachte ich an das Haus wie an einen Sehnsuchtsort, oben, am Schwarzen Berg, in der Weinbauregion, umgeben von Weinreben. Ich erinnerte mich an das Gefühl, dort anzukommen, als hätte man ein Beruhigungsmittel bekommen, das urplötzlich zu wirken begann - obwohl nichts passiert war, obwohl nur die Landschaft etwas hügelig wurde. Ich dachte an mein Haus und dachte gleichzeitig daran, ob es wohl möglich ist, mitten im Winter in diesem Haus zu sein, ob es möglich ist, das Haus warm zu bekommen, in dieser Kälte, wenn draußen vielleicht sogar Minustemperaturen herrschten. Bis dahin war ich nur im Sommer dort, oder an warmen Herbsttagen, wenn tagsüber die Sonne noch so wärmte, dass es einen über die Nacht rettete. Aber wie ist es, wenn die kalte Wintersonne nur selten durch die Schneewolken bricht? Wenn der Ofen es nicht schafft, die ausgekühlten Räume zu beheizen?

Ich fragte mich auch, ob ich mich tatsächlich nach dem Haus sehne, nach dieser absoluten Einsamkeit, aber nur so, wie man sich nach etwas sehnt, wovon man weiß, dass man es gar nicht erreichen kann. Oder ob ich diese Einsamkeit wirklich auf mich nehmen will, als ein reales Erlebnis erfahren will, mit allen Konsequenzen. Ich fragte mich, ob ich in dieser Einsamkeit in der Lage sein werde, mich selbst zu hören, oder ob nach dem Lärm der Großstadt diesmal die Stille zu groß wird und alles übertönt. Ob ich in der Lage sein werde, bei mir anzukommen, etwas Urpsrüngliches in mir wiederzufinden, das verloren gegangen war, meine Gedanken zuzulassen, überhaupt ein Denken zuzulassen, das mir in den letzten Monaten nicht möglich schien.

Und irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ich nicht mehr aufzuhalten war, dass ich es bereut hätte, wenn ich nicht ins Haus gefahren wäre, dass ich im Geiste längst dort war. Ich machte mich auf den Weg.

Ich wurde in meiner Entscheidung sofort bestätigt, noch auf der Hinfahrt, etwa 50 km vom Haus entfernt, als ich die letzte größere Stadt verließ, um den hügeligen, kurvigen Weg Richtung Haus einzuschlagen. Das ist der Moment, in dem ich jedes Mal denke, die Landschaft macht etwas mit mir, sie geht direkt in meine Blutbahn, ich gehe direkt in ihre Blutbahn, sie nimmt mich auf, als hätte sie schon lange auf mich gewartet, als hätte sie mich schon lange vermisst.

Und später, am Nachmittag, als ich ins Dorf lief, um den alten Lada zu holen, der bei einer befreundeten Familie stand, wenn ich nicht hier war, mit dem ich gern über Berg und Tal fuhr, der einem eine ungeahnte Freiheit ermöglichte, weil man höchstens 60 km/h fahren konnte, niemals in Eile war, die Fenster hinunterkurbelte und den Wind durch die Haare fahren ließ. An diesem ersten Nachmittag, als ich ins Dorf ging, um das Auto zu holen, liefen mir drei Rehe über den Weg. Sie bemerkten mich früher als ich sie, ich ging ganz unvorsichtig, stolperte immer wieder auf dem steinigen Feldweg und wurde erst auf sie aufmerksam, als ich sie durch das kahle Weizenfeld habe springen sehen. Sie drehten sich immer wieder um, um nachzusehen, was ich tue, ob ich ihnen folgen würde, sprangen dann weiter, drehten sich wieder um, um gleich daraufhin wieder weiter zu springen, und zeigten mir dabei ihre schneeweißen Hintern. Mir ging das Herz auf vor so viel Schönheit und Eleganz, obwohl sie im Garten die frischesten Knospen der Obstbäume abknabberten, wenn ich die Bäume nicht rechtzeitig umzäunt hatte. Spätestens dann, als ich die Rehe sah, wusste ich, dass ich hier richtig bin, dass ich hier bleiben möchte, dass ich mit diesen Rehen eine Luft atmen möchte. Ich wusste nicht, wie lange ich bleiben wollte, wie lange ich es aushalten würde, ich hielt es mit Paolo Cognetti, der einen Sommer in den Bergen verbrachte: "Ich hatte nicht die Absicht, mich zu quälen: Falls mich hier oben Gutes erwartete, wollte ich bleiben, möglich war aber auch, dass mich eine noch tiefere Verzweiflung befallen würde, und dann wollte ich fliehen." Ja, es hätte sein können, dass mich in dieser Einsamkeit eine noch tiefere Verzweiflung überkam als in der Großstadt. Doch eine Weile wollte ich auf jeden Fall versuchen zu bleiben, eine Zeit lang wollte ich hier leben, so tun, als lebte ich wirklich hier und wäre nicht nur ein Sommergast, der sich im Winter zufällig hierher verirrte. Ich wollte hier leben, als gehörte ich auch dazu, zu dieser Landschaft, die einen aufnahm und besänftigte, zu diesen Menschen, die ich beneidete, weil sie sie immerzu vor der Tür hatten.

So kam ich an einem kalten Februarnachmittag auf dem Anwesen an. Ich öffnete die Tür zum Haus, das früher als Wohnhaus diente, und die zur Küche, in der damals die Kühe standen, lief zum Thermometer, um festzustellen, dass in den Zimmern 4,5 Grad Celsius herrschten, ich fror, sah meinen eigenen Atem, zog noch einen dicken Pullover über, meinen Lieblingspullover mit der Aufschrift LUHTA, die passenderweise nach finnischem Winter klang, und machte mich an die Arbeit. Als erstes mussten die Räume beheizt werden, sonst gab es hier nichts, sonst konnte man hier nicht existieren.


Aus dem entstehenden Roman “Der schwarze Berg”




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